Eine Schule für ein Leben

16.01.2019, 14:02 Uhr

Wir setzen unsere kleine Serie an Best-Practice-Beispielen mit einem Besuch in der Schule am See in Hard fort. Hier ist ein Traum engagierter Pädagogen in Erfüllung gegangen, der weit über das hinausgeht, was wir von einer herkömmlichen Schule erwarten.

Schule am See | © Petra Rainer

Wer bei den Worten „lernen“ und „Schule“ noch an drei Tischreihen und eine Tafel denkt, dem eröffnet sich in Hard eine neue Welt. Das pädagogische Konzept, welches zuvor schon mehrere Jahre gelebt wurde, entfaltet in den neuen Räumlichkeiten nahe dem Seeufer seine wahre Kraft.

Bei einer kurzen Führung durch das im Herbst eröffnete Haus fällt eines am eindrücklichsten auf: alle Schüler sind am Arbeiten! Irgendetwas tut jeder! Ob das ein sehr schneller Denker oder einer mit geistiger Beeinträchtigung ist – diese Pädagogen schaffen es, für jeden eine Aufgabe zu finden. “Jeder darf gut sein, jeder ist wichtig. Niemand muss etwas leisten, was er nicht schafft. Alle sollen zeigen dürfen, was sie können“, erklärt Direktorin Karin Dorner. Auch wenn es manchmal Zeit und viele Angebote braucht, um herauszufinden, was der jeweilige Schüler kann – Wertschätzung und Wohlwollen stehen im Vordergrund.

Die Motivation, etwas zu leisten, Neues dazulernen zu wollen, kommt dann automatisch bzw. wird von Lehrern unterstützt. Sie sind darauf trainiert, einen differenzierten Unterricht für ca. 25 Kinder zu leiten.

Als zweites fällt auf: an herzlichen Begegnungen wird nicht gespart. Hier spürt so mancher Büromensch wieder, was in seinem Alltag zu kurz kommt. Ja, die Beziehungsebene sei an dieser Schule tatsächlich sehr wichtig, ist Karin Dorner überzeugt. Gemeinsam mit Christian Grabher führt sie die Schule am See (Hard Markt) sieben bzw. 20 Jahren.

Aufgebaut ist die Schule wie folgt: 680 Schüler der Volks- und der Mittelschule lernen in insgesamt drei Häusern oder neun kleinen Schulen.

Die ersten drei Klassen werden übergreifend geführt, die Schulstufen 4, 5 und 6 ebenfalls, bleiben noch 7 und 8, die zusammengefasst sind.

Der Verwaltungstrakt befindet sich im vierten Haus, hier ist auch das Schulrestaurant untergebracht, sowie eine wunderschöne Aula. Im Außenbereich laden Innenhöfe zum Feiern oder Theaterspielen ein, eine angeschlossene Sporthalle bietet Synergien für den gesamten Ort und seine Vereine, die gute Absprache mit der Musikschule ermöglicht teilweise Instrumentalunterricht am Vormittag.

Gemeinsames Kochen mit frischen, regionalen Produkten zählt ebenfalls zur langen Liste an Entfaltungsmöglichkeiten, in denen die Kinder für das ganze Leben lernen. Als nächstes Projekt ist der Schulgarten im Entstehen – eine „Ackerdemie“!

Auch zahlreiche Eltern bringen sich und ihre Talente ein. Erst kürzlich hat eine Mutter ein Celloorchester auf die Beine gestellt, das hier nun regelmäßig probt.

Eine andere Mama ist Schriftstellerin und wird gemeinsam mit den Kindern ein Theaterstück schreiben.

Karin Dorner und Christian Grabher führen dieser Tage Führungskräfte von Weltkonzernen, Politiker und andere Menschen in gesellschaftlicher Verantwortung durch ihre Schule – alle haben angefragt, ob sie diesen Ort näher kennenlernen dürfen. Wir sind also nicht die einzigen…

Der Hunger nach innovativer Pädagogik, nach Möglichkeiten, in denen sich der Mensch als Ganzes, mit all seinen Stärken und Schwächen, weiterentwickeln darf, sich als wertvolles Wesen erfährt, das mit Freude seine Talente und Fähigkeiten einbringt, ist groß.

Es sind vier Grundprinzipien, die den Geist dieses Hauses beflügeln:

  • Lernen, sich sinnvolles Wissen anzueignen. „Von jedem Volksschüler kann ich erwarten, dass er sich mit der Frage beschäftigt, warum wir etwas lernen“, so Dorner.
  • In der Schule lernen, in der Welt zu tun und zu handeln. Wer zwischen sinnvollem und sinnlosem Wissen unterscheiden kann, und diese Herangehensweise tagtäglich mit seinem Lehrer übt, wird ziemlich schnell erkennen, wo es Handlungsbedarf gibt und wie er sich einbringen kann.
  • Lernen, zusammen zu leben. Diese Hauptaufgabe stehe heutzutage im Vordergrund, meint Dorner und jeder, der entweder in einem beruflichen oder pädagogischen Umfeld seinen Alltag meistert, weiß, wovon sie spricht.
  • Lernen, zu sein. Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen; zu wissen, dass man wertvoll für jemanden ist, emotionale Stärke entwickeln, stolz auf sich selbst sein. Auch wenn ein Kind unter widrigsten Umständen aufwächst, kann dies in einer Schule gelingen.

Ein hoher Anspruch? Ja, ist es. Deshalb wird auch täglich geübt, diese Prinzipien umzusetzen.

Ich sehe Schule als Übungsfeld, miteinander zu lernen. Zum Glück sind wir eine öffentliche Schule, die das sehr breite Spektrum der Gesellschaft in Hard abbildet.

Karin Dorner

Inklusion ist also ebenfalls sehr wichtig. „Ich möchte unbedingt gerne jedes Kind in unserer Schule haben“, so Dorner. Und dabei denkt sie nicht nur an Kinder mit Beeinträchtigungen, es sind auch Themen, wie Spracharmut und Aggression, die in der heutigen Gesellschaft vorhanden sind. Kinder, die nicht reden, haben zuhause oft nicht erlebt, wie man miteinander redet, wie man Bedürfnisse äußert.

Hier können dann die Eltern von ihren Kindern lernen, bzw. Kinder entwickeln das Selbstbewusstsein, diesen Umgang auch zuhause einzufordern. Selbstkritisch führt Dorner schließlich noch an, dass die Bewertungen der kognitiven Fähigkeiten in anderen Schulen oft besser ausfallen. Die Frage stellt sich allerdings, was messbar ist?

Das gute Miteinander, das wir auch später im Berufsleben so dringend brauchen, ist es nicht die Basis für alle anderen Leistungen?

© Petra Rainer